Anfängergitarre - wo kaufen, worauf achten

Tipps für Einsteiger im Gitarrenkauf

Als langjähriger Gitarrist, der auch im Verkauf von Musikinstrumenten in einem Musikgeschäft in Hamburg tätig ist, werde ich von Kunden, Freunden und Bekannten häufig gefragt, mit welcher Gitarre man denn als Anfänger einsteigen kann in die Welt der Musiker. Für viele spielt der Preis eine große Rolle, da man ja nicht weiß, ob es einem liegt oder ob man dran bleibt. In diesem Artikel möchte ich gerne jeden Anfänger an die Hand nehmen und verständlich erklären, welche Kriterien bei dem Kauf einer Gitarre besonders wichtig sind. Dieser Artikel wird beweisen, dass der Preis hierbei am Ende eine eher untergeordnete Rolle spielt. Zudem stellt sich die Frage, ob sich der Besuch in einem lokalen Fachgeschäft lohnt.

Kriterien für eine Anfänger-Gitarre


Krummer Hals, Saiten schnarren, einzelne Töne klingen selbst mit korrekter Stimmung schief und der Klang schlägt Freund und Feind in die Flucht: Als Anfänger kann man viel falsch machen bei der Auswahl der ersten Gitarre. Dass Gitarren ohne die oben genannten Makel meist einen Preisunterschied von lediglich 20-30 Euro bedeuten, ist vielen Anfängern nicht klar. Gitarrespielen bedeutet, aus Freude und mit Ehrgeiz eines der schönsten Instrumente auf der Welt zu beherrschen.

Doch man sollte sich nicht zu sehr von vermeintlichen Experten beeinflussen lassen. Hier drei Beispiele, warum man auch gut gemeinten fremden Einschätzungen nur bedingt trauen kann:
  • Gitarristen aus dem Freundeskreis empfehlen meist "irgendwas billiges", "gleich was richtig gutes" oder irgendeine ihnen Bekannte Marke mit der "gute Erfahrung" gemacht wurde. Gut gemeint, aber diese Ratschläge beinhalten sicher nicht das Wissen über die Qualität der aktuellen Lieferung aus Fernost und basiert nicht auf Tests einer größeren Auswahl an Instrumenten über große Stückzahlen hinweg, um Qualitätsschwankungen innerhalb einer Reihe auszuschließen.
  • Online-Rezensionen von glücklichen Käufern fallen meist überschwänglich positiv aus. Eine "großartige Gitarre" mit "wunderschönem Sound" für nur 40 Euro sagt mehr über die mangelnde Kenntnis des Käufers aus, als über die bewertete Gitarre.
  • Tests in Fachmagazinen sind von Profis erstellt. Doch diese bewerten meist Gitarren im Mittelklasse- bis Premiumbereich und benutzen Beschreibungen, wie "prägnante Mitten", "seidige Höhen" und "wuchtige Bässe", gepaart mit detaillierten Beschreibungen über die verwendeten Materialien und die Verarbeitung. Das sind Details, die nur langjährige Enthusiasten verstehen und begeistern. Für die meisten Musiker stellt sich bis heute die Frage, wie sich "Klang" am besten in Worte fassen lässt. Meine Einschätzung: Gar nicht. Kein Test ersetzt das Anspielen vor Ort.
Ein Berater im Verkauf wird dagegen versuchen für das Budget des Anfängers die bestmögliche Gitarre auszuwählen. Er wird den Anfänger mit einem zu geringen Budget eher dazu raten, noch 1-2 Monate auf das "richtige" Modell zu sparen, um auch langfristig am Spiel Spaß zu haben. Es heißt: Wer am falschen Ende spart, zahlt doppelt. Daher wird ein guter Fachberater im Interesse des Kunden die für ihn auch langfristig passende Gitarre empfehlen.

Bei mir selbst konnte ich beobachten, wie sich mein musikalisches Gehör in den ersten Jahren enorm weiterentwickelt hat. Viele Nuancen in der Bespielbarkeit und dem Sound einer Gitarre lassen sich erst mit etwas Erfahrung selbst einschätzen. Man entwickelt einen Spielstil und wählt beispielsweise eine Gitarre mit satterem Sound, die dafür aber schwieriger zu spielen ist.

Gitarrenmodelle für Anfänger


Für Kinder ab 6 Jahren bis 16 jährige Jugendliche werden Konzertgitarren in halber, dreiviertel und siebenachtel Größe angeboten, die sich nicht nur in der Korpusgröße, sondern auch in der Sattelbreite und der Mensur unterscheiden. Bei der Auswahl entscheidend sind hier die Armlänge und Handgröße. Man sollte also immer auf das Größenverhältnis zwischen Kund und Instrument achten. Von verschiedenen Institutionen, Pädagogen und Experten gibt es unzählige Abhandlungen zu diesem Thema, die sich teils stark widersprechen.

Hier meine Empfehlung, die sich in der Praxis in meiner Tätigkeit im Musikshop Hamburg bewährt hat: Für Kinder bis zum 9. Lebensjahr bei einer Körpergröße von 1,10m bis 1,30m sind meist Gitarren in halber Größe ideal. Von 8 bis 11 (1,20m bis 1,40m) lohnt sich bereits der Kauf einer dreiviertel Gitarre. Jugendliche im Alter zwischen 10 und 13 mit einer Größe von 1,30m bis 1,50m greifen am besten zur siebenachtel Gitarre oder wählen ab 12-13 Jahren bereits eine 4/4 Gitarre in voller Größe.

Für noch jüngere angehende Rockstars unter 5 Jahren empfehle ich meist nicht den Kauf einer einviertel großen Gitarre, sondern den Kauf einer Ukulele: Mit nur 4 Saiten und einer auf diese Korpusgröße abgestimmten Stimmung bietet die Ukulele den besten Einstieg und den schönsten Sound. Ukulelen sind handlich und leicht, haben eine tiefe Saitenlage und einen schmalen Hals - perfekt also für den kleinen Nachwuchs.

Anfänger Konzertgitarren zeichnen sich durch einen warmen Sound aus und sind besonders einsteigerfreundlich: Die Nylon-Besaitung belastet die Sehnen am Handgelenk kaum und ist ideal für den Aufbau der ersten Hornhaut auf den Fingerkuppen.

Ab 16 Jahren sind auch Anfänger Westerngitarren eine Option, die Belastung der Handgelenksehnen ist hier ungleich höher, so dass mehr Disziplin benötigt wird: Es sollten anfangs nur mit kurzen Übungszeiten pro Tag begonnen werden, so dass sich die benötigten Muskeln und die Hornhaut weiter aufbauen können. Dafür belohnt die Westerngitarre den Spieler durch die durchgängige Stahlbesaitung mit einem facettenreicheren, klaren und vollen Klang und passt vom Sound her besser zu aktuellen Pop/Rock-Stücken. Zu Beginn empfehle ich Saiten in 10er-Stärke. Für zierlichere Musiker empfiehlt sich der Kauf einer Westerngitarre in Concert-Cut oder Auditorium Form, da hier der Korpus nicht ganz so wuchtig ist, wie bei einer Dreadnought-Variante.

E-Gitarren haben meist eine dünnere Saitenstärke als Westerngitarren, sind jedoch auch vollständig mit Stahlsaiten versehen. Selbst wenn die jüngeren Kinder gerne rocken wollen wie die Großen: Die Erstgitarre sollte in der Regel eine Konzertgitarre sein. Ab 13-14 Jahren ist allerdings auch ein Direkteinstieg mit der E-Gitarre möglich. Es sollte Anfangs ein Saitensatz in 09er-Stärke genutzt werden.
Bei erwachsenen Gitarrennovizen spielt der persönliche Geschmack die größte Rolle: Welche Songs oder Musikgenres möchte man gerne spielen, möchte man eher mobil musizieren können oder in einer Band spielen - hier hilft der Fachverkäufer bei der Entscheidungsfindung.

Materialqualität


Anfängergitarren erhält man bereits ab 130-140 Euro. Hier erhält man vernünftige Qualität zu einem günstigen Preis. Der nächste qualitative Sprung ist im Bereich um die 250 Euro, wo die Decke (Top) der Gitarre aus massivem Holz (meist Fichte oder Zeder) besteht und der Hals aus Mahagoni gefertigt wurde. Bei E-Gitarren ist der Korpus meist aus Erle oder Agathis, der Hals aus Ahorn. Die Faustformel ist: Etwa 70% der Klangqualität kommt über die Decke. Wer also etwas mehr investiert, erhält durch die massive Decke bereits eine Anfängergitarre, die qualitativ einen weiten Sprung nach vorn macht und ihren Sound noch über Jahre hinweg verbessert.

Elektro-Akustische Gitarren sind Konzert- oder Westerngitarren mit eingebautem Tonabnehmer (Pickup). Die Faustformel ist hier: Etwa 100 Euro Aufpreis für die Möglichkeit, die Gitarre auch uneingeschränkt auf der Bühne nutzen zu können.

Meine Empfehlung für die 1. Gitarre: Lieber eine massive Decke, als einen Tonabnehmer. Der beste Tonabnehmer kann nicht den Grundsound einer Gitarre verbessern. Daher hier lieber in die Holz- und Verarbeitungsqualität investieren, bevor die Gitarre durch zusätzliche Elektronik aufgewertet wird.

Gitarren Zubehör


Taschen und Koffer sind je nach Hersteller mal inklusive, mal nicht. Grundsätzlich erhält man aber erst bei höherpreisigen Modellen ab 700 Euro kostenlos einen Koffer für die Gitarre. Wichtiges Zubehör für den Anfänger, das in vernünftiger Qualität meist extra kostet:
  • elektronisches Stimmgerät bzw. Clip-Tuner - Pflichtkauf
  • Gitarren-Tasche / Gigbag oder Koffer
  • Gitarren-Ständer
  • Fußbank und Gitarrenstütze für die richtige Körperhaltung
  • Gitarren-Anfängerbuch
  • Gitarren-Wandhalterung
  • Kapodaster ("Capo")
  • Verstärker, Kabel, Effektgeräte für E-Gitarre
  • Satz Ersatzseiten

Angebote bei lokalen Discountern


Regelmäßig werden bei (Lebensmittel)-Discountern Anfänger Gitarren und Zubehör zu Spottpreisen verkauft. Meist handelt es sich hierbei um NoName-Ware aus Fernost mit mangelhafter Verarbeitung und gänzlich fehlender Qualitätsprüfung. Sicher, manchmal erwischt man die gut verarbeitete Gitarre zum Schnäppchenpreis - doch welcher Anfänger traut sich zu, eine Gitarre bei dem Discounter auszupacken und auf einen krummen Hals, schnarrende Saiten und blechernen Klang hin zu überprüfen? Manches lässt sich erst langfristig erkennen: so kann sich zum Beispiel mangelhafte Verleimung zu einem Sicherheitsproblem entwickeln, wenn sich der Steg löst und die voll gespannten Saiten während des Stimmens der Gitarre um die Ohren krachen. Zudem machen Mankos wie ein krummer Hals das Erlernen doppelt so schwer.

Angebote im Internet


Im Internet ist nahezu jeder Instrumentenladen auch mit einer Website, oft auch einem vollwertigen Onlineshop, vertreten. Der Großteil des Umsatzes teilen sich allerdings nur einige wenige Onlineshops auf. Man erhält oft telefonisch und per Email großartige Beratung, jedoch nur insoweit, wie es über dieses Kontaktmedium möglich ist. Während kleinere Onlineshops in manchen Fällen weniger "professionell" wirken, dafür aber oft flexibler auf Sonderwünsche eingehen können, bieten die Marktführer eine große Auswahl und schnelle Versandzeiten. Doch eine große Auswahl führt oft zu der falschen Annahme, man würde hier das beste Angebot erwischen. Zudem sind die als besonders preisgünstig angebotenen Komplettsets oft eine Mogelpackung, da das Zubehör gern in geringer Qualität beigelegt wird - was sich oft im Nachhinein durch schlechten Gesamtsound, kurze Lebensdauer und schlechte Bedienbarkeit rächt. You get what you pay for. Gerade in kleineren Shops findet sich so manches Schnäppchen. Die Preise sind Online zwischen den Shops meist recht ähnlich, so dass man hier eher durch einen Anruf die Kompetenz und Beratungsqualität des Shops prüfen sollte, als rein auf den Preis zu achten. Generell sollte hinter einem Onlineshop immer ein Musikfachgeschäft stehen.

Vorteile der Musikfachgeschäfte


Musikshops gibt es in jeder größeren Stadt, reichlich verteilt in Deutschland. Man hat so nicht nur einen dauerhaften Ansprechpartner vor Ort, sondern auch nach der Gewährleistung oft die Möglichkeit Reparaturen günstig und zeitnah durchführen zu lassen. Doch der Service beginnt bereits vor dem Kauf: Ein engagierter Fachberater wird sich ausreichend Zeit nehmen, die Wünsche des Kunden zu erfahren und ihm eine Auswahl der für diesen geeigneten Gitarren zu präsentieren.

Gerade Geschäfte mit kleinerer Ladenfläche haben die Möglichkeit mit Onlinepreisen zu konkurrieren, da die Fixkosten so niedrig gehalten werden können. Sollte eine Gitarre während oder nach der Gewährleistung oder Garantie reparaturbedürftig sein, bieten lokale Shops meist den besten Service: Mit hauseigener Werkstatt und dem fehlenden Versandrisiko sind kostengünstige bis kostenfreie Reparaturen in Rekordzeit möglich.

Wichtig ist auch der direkte Draht zum Hersteller durch das Ladengeschäft - diese werden von den Herstellern im Service meist bevorzugt behandelt, da eine Präsenz der Marken vor Ort oft wichtiger eingeschätzt wird, als ein reiner Online-Versand. Bei Westerngitarren und E-Gitarren bieten qualitätsorientierte Musikfachgeschäfte auch einen kostenlosen Check- und Einstellservice nach dem ersten Jahr an, um beispielsweise die Hals-Saitenlage zu regulieren.

Der Preis


Discounter locken mit billigen Preisen, die sich aber recht schnell durch den fehlenden Service und die mangelhafte Qualität des Instruments rächen können. Online-Shops konkurrieren untereinander meist nur im Preis, da viele Kunden die Qualität des Instrumentengeschäftes im Hintergrund aus der Ferne schwer einschätzen können. Doch sind die lokalen und regionalen Fachgeschäfte trotz der höheren Qualität immer teurer als die Discounter und Onlineshops? Unterschiedlich, ein Vergleich lohnt sich in der Regel oft. Viele lokale Shops passen ihre Preise vor Ort an den Online-Marktpreis an, liegen meist gleichauf oder sogar darunter.

Manchmal erhält man als Stammkunde vor Ort mehr Zugeständnisse im Preis, als wenn man beim ersten Saitenkauf mit dem Feilschen beginnt. Als Fachgeschäft für den zusätzlichen Service im Preis 5-10% höher zu liegen als die billigste Online-Konkurrenz halte ich jedoch für gerechtfertigt. Bei größeren Preisunterschieden lohnt sich aber auch zu verhandeln, oft sind statt einem Preisnachlass auch kostenlose Extras wie Ersatzseiten oder eine Tasche drin.

Am Ende sollte man sich auch die Frage stellen: Wenn alle Kunden nur noch bei Discountern und Onlineshops bestellen, wird es irgendwann kaum noch Musikgeschäfte vor Ort geben - was man spätestens dann vermissen wird, wenn man eilig einen Zubehörartikel, eine Reparatur, ein Leihinstrument oder schlichtweg eine fundierte, persönliche und individuelle Beratung benötigt. Ganz abgesehen von der Möglichkeit, verschiedene Instrumente auszutesten und sich von der Saitenlage, Bespielbarkeit, Optik und den Klang selbst zu überzeugen und nicht nur nach einer Online-Abbildung kaufen zu müssen.

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